Zielgruppe schärfen: Von der Branchenliste zum konkreten Gegenüber

„Kleine und mittlere Unternehmen im DACH-Raum“ ist keine Zielgruppe, sondern eine Abwesenheit von Entscheidung. Eine brauchbare Beschreibung erkennt man daran, dass sie Kunden ausschließt, die man gerne hätte.

Ein weites blasses Lichtfeld verdichtet sich nach innen zu einer einzigen scharf umrissenen Form

Das Wichtigste in Kürze

  • Branche und Unternehmensgröße beschreiben, wer angesprochen werden könnte – nicht, wer kauft.
  • Fünf Merkmale trennen tatsächlich: Auslöser, Vorerfahrung, Entscheidungsweg, Alternative und Erfolgsmaß.
  • Der Test: Fällt euch ein konkretes Unternehmen ein, das genau passt – und eines, das knapp danebenliegt?
  • Eine gute Beschreibung tut weh, weil sie Kunden ausschließt, die man gerne hätte.

Warum Branche und Größe nicht reichen

Zwei Handwerksbetriebe mit je zwanzig Personen können völlig unterschiedliche Kunden für euch sein: Der eine hat gerade den Betrieb übernommen und baut alles neu auf, der andere läuft seit dreißig Jahren gleich. Branche identisch, Größe identisch – der eine kauft, der andere nie.

Was sie unterscheidet, sind nicht Merkmale des Unternehmens, sondern Merkmale der Situation.

Die fünf Merkmale, die trennen

1. Der Auslöser

Was ist passiert, kurz bevor jemand nach einer Lösung sucht? Eine Übernahme, ein Weggang, ein verlorener Großkunde, eine Prüfung, ein Wachstumssprung. Das wichtigste Merkmal – und das am seltensten erhobene.

2. Die Vorerfahrung

Was hat die Person vorher probiert, und woran ist es gescheitert? Wer schon zweimal etwas Ähnliches erfolglos versucht hat, braucht eine andere Ansprache als jemand, der zum ersten Mal sucht.

3. Der Entscheidungsweg

Wer entscheidet, wer muss zustimmen, wer kann verhindern? Bei zwei Personen sieht der Verkaufsvorgang anders aus als bei fünf – unabhängig von der Unternehmensgröße.

4. Die tatsächliche Alternative

Wogegen konkurriert ihr? Meistens nicht gegen einen anderen Anbieter, sondern gegen „selbst machen" oder „nichts tun". Diese Unterscheidung verändert die gesamte Argumentation.

5. Das Erfolgsmaß

Woran misst die Person, ob es sich gelohnt hat – und wann? Wer nach drei Monaten Zahlen sehen will, ist ein anderer Kunde als jemand, der auf zwei Jahre plant.

Wusstest du schon?

Der Auslöser ist das Merkmal mit der größten Trennschärfe und taucht in fast keiner Zielgruppenbeschreibung auf – weil er sich nicht aus Firmendaten ablesen lässt, sondern nur aus Gesprächen.

Genau deshalb ist er so wertvoll: Wettbewerber, die ihre Zielgruppe aus Branchendaten ableiten, kennen ihn nicht. Wer weiß, dass seine besten Kunden regelmäßig kurz nach einer Betriebsübernahme kommen, kann Inhalte, Zeitpunkt und Ansprache darauf ausrichten – und trifft Menschen in dem Moment, in dem sie tatsächlich suchen.

Der Nachmittag, der die Beschreibung ergibt

  1. Die letzten zwanzig Kunden auflisten (30 Min.). Nicht die Wunschkunden – die tatsächlichen.
  2. Die fünf besten markieren (15 Min.). Best heißt: zufrieden, profitabel, unkompliziert, gern wieder. Nicht: größter Umsatz.
  3. Die fünf Merkmale je Kunde erheben (60 Min.). Aus Notizen, E-Mails, Erinnerung. Wo etwas fehlt, kurz nachfragen – das ist kein Verkaufsgespräch, das beantworten die meisten gern.
  4. Muster suchen (30 Min.). Welche Merkmale wiederholen sich bei den fünf besten und fehlen bei den schwächsten?
  5. Beschreibung formulieren (30 Min.). Zwei bis vier Sätze, mit Auslöser und Ausschluss.
  6. Prüfen (15 Min.). Fällt euch ein konkretes Unternehmen ein, das genau passt? Und eines, das knapp danebenliegt und deshalb ausgeschlossen ist?
Achtung Schritt zwei entscheidet über die Qualität des Ergebnisses. Wer nach Umsatz sortiert statt nach Zusammenarbeit, bekommt eine Beschreibung, die zu den anstrengendsten Kunden führt. Der größte Auftrag ist selten der beste.

Wie die Beschreibung aussieht

Nicht als Steckbrief mit erfundenem Namen und Foto, sondern als Satz mit Auslöser, Merkmalen und Ausschluss:

Zu weit

„Kleine und mittlere Unternehmen im DACH-Raum, die ihr Marketing professionalisieren wollen."

Problem: schließt niemanden aus, enthält keinen Auslöser, gibt keine Handlungsanweisung.

Brauchbar

„Inhabergeführte Dienstleister mit 5 bis 30 Personen, bei denen Marketing bisher nebenbei lief und die gerade eine Person dafür einstellen oder benannt haben. Sie haben ein bis zwei Werkzeuge im Einsatz, die niemand richtig kennt. Nicht geeignet für Unternehmen mit eigener Marketingabteilung."

Warum: Auslöser benannt, Vorerfahrung benannt, Ausschluss benannt.

Aus der Praxis

Der Widerstand gegen eine enge Beschreibung ist immer derselbe: „Dann verlieren wir doch alle anderen." Tatsächlich passiert das Gegenteil – ein Angebot, das erkennbar für jemand Bestimmtes gemacht ist, wird auch von benachbarten Gruppen ernst genommen. Ein Angebot für alle wird von niemandem als für sich gemacht empfunden.

Die enge Beschreibung ist außerdem eine Arbeitserleichterung: Sie beantwortet nebenbei, welche Themen ihr behandelt, welche Beispiele ihr wählt und welche Anfragen ihr ablehnt. Das sind drei Entscheidungen pro Woche, die danach von selbst fallen.

Prompt
Hilf mir, unsere Zielgruppe zu schärfen. Frag nach, statt zu raten.

Unsere fünf besten Kunden – best heisst zufrieden, profitabel,
unkompliziert, gern wieder (nicht: grösster Umsatz):

Kunde 1: [Branche, Grösse, was ausgelöst hat, dass sie suchten,
was sie vorher probiert hatten, wer entschieden hat, wogegen wir
konkurrierten, woran sie den Erfolg messen]
Kunde 2: [...]
Kunde 3: [...]
Kunde 4: [...]
Kunde 5: [...]

Kunden, mit denen es nicht gut lief: [kurze Beschreibung]

Aufgaben:
1. Nenne die Merkmale, die sich bei den fünf besten wiederholen
   und bei den schwierigen fehlen. Belege jedes am Beispiel.
2. Stelle mir bis zu zehn Rückfragen, deren Antworten die
   Beschreibung schärfen würden. Frag nach dem Auslöser, wenn
   ich ihn nicht genannt habe.
3. Formuliere zwei bis vier Sätze Zielgruppenbeschreibung mit
   Auslöser, Vorerfahrung und einem ausdrücklichen Ausschluss.
4. Nenne drei Arten von Anfragen, die wir nach dieser
   Beschreibung ablehnen sollten.
5. Nenne fünf Themen, die zu dieser Zielgruppe passen, und drei,
   die wir uns sparen können.

Erfinde keine Kundenmerkmale, die ich nicht genannt habe.

Fazit

Eine Zielgruppe entsteht nicht aus Firmendaten, sondern aus Situationen. Der Auslöser trennt schärfer als jede Branchenangabe – und er steht in keiner Datenbank, sondern in euren Gesprächen.

Der Test bleibt derselbe: Wenn die Beschreibung niemanden ausschließt, den ihr gerne hättet, ist sie noch nicht fertig. Und wenn sie fertig ist, fallen danach drei Entscheidungen pro Woche von selbst.

Häufige Fragen

Wie definiert man eine Zielgruppe im B2B?

Nicht über Branche und Unternehmensgröße, sondern über fünf Merkmale der Situation: den Auslöser, der die Suche gestartet hat, die Vorerfahrung mit ähnlichen Lösungen, den Entscheidungsweg im Unternehmen, die tatsächliche Alternative – oft „selbst machen" statt ein Wettbewerber – und das Erfolgsmaß der Kundenseite.

Warum reicht „KMU im DACH-Raum" nicht?

Weil es niemanden ausschließt und keinen Hinweis darauf gibt, wann jemand kauft. Zwei gleich große Betriebe derselben Branche können völlig verschiedene Kunden sein – der Unterschied liegt in der Situation, nicht in den Unternehmensmerkmalen.

Was ist der Auslöser und warum ist er so wichtig?

Das Ereignis kurz vor der Suche – eine Übernahme, ein Weggang, ein verlorener Großkunde, eine Prüfung, ein Wachstumssprung. Er hat die größte Trennschärfe aller Merkmale und lässt sich nur aus Gesprächen erheben, nicht aus Firmendaten. Genau deshalb kennen ihn Wettbewerber, die aus Branchendaten arbeiten, nicht.

Woran erkennt man eine gute Zielgruppenbeschreibung?

Daran, dass ihr spontan ein konkretes Unternehmen benennen könnt, das genau passt – und eines, das knapp danebenliegt und deshalb ausgeschlossen ist. Eine gute Beschreibung tut ein wenig weh, weil sie Kunden ausschließt, die man gerne hätte.

Verliert man durch eine enge Zielgruppe nicht Kunden?

In der Praxis eher nicht. Ein Angebot, das erkennbar für jemand Bestimmtes gemacht ist, wird auch von benachbarten Gruppen ernst genommen; ein Angebot für alle wird von niemandem als für sich gemacht empfunden. Zusätzlich erleichtert die enge Beschreibung wöchentlich mehrere Entscheidungen – Themen, Beispiele, abzulehnende Anfragen.

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